{"id":591,"date":"2018-12-31T12:58:14","date_gmt":"2018-12-31T11:58:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.u-porsch.de\/?page_id=591"},"modified":"2018-12-31T12:58:17","modified_gmt":"2018-12-31T11:58:17","slug":"liebe-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.u-porsch.de\/?page_id=591","title":{"rendered":"Happy End"},"content":{"rendered":"<h1>M. Haneke (2017): \u201eHappy End\u201c<\/h1>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/9mlgfcyf7g0\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\"><strong><span style=\"color: #008080;\">Inhalt des Films:<\/span><\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #008080; font-size: 10pt;\"> Der gew\u00e4hlte Titel des Films hat initial verf\u00fchrerische Qualit\u00e4t, weil er das ubiquit\u00e4re Bed\u00fcrfnis, dass alles gut werden soll zu bedienen verspricht. Aber zugleich \u00fcberf\u00fchrt er anachronistisch, wenn der Film den Werteverfall einer gro\u00dfb\u00fcrgerlichen franz\u00f6sischen Gro\u00dffamilie in Calais demaskiert, d.h. auch an einem Ort, an dem die westliche Welt mit dem Elend der Fl\u00fcchtlinge konfrontiert wird. \u00c4hnlich wie Eve, die 13-j\u00e4hrige Protagonistin, die die Welt um sich herum mittels Smartphone sieht und aufzeichnet und damit auch eine notwendige Distanz herstellen muss, bleiben auch die Zuschauer bei der Betrachtung des Ungl\u00fccks und des Zerfalls in der Idylle h\u00e4ufig au\u00dfen vor. Damit wird ihnen aber auch gespiegelt und kann Bewusstsein daf\u00fcr schaffen, wie sehr Dissoziation, Entfremdung und die emotionale Neutralisierung von Bedeutungen als zentrale Abwehr- und Bew\u00e4ltigungsstrategien aktuell notwendig zu sein scheinen.<\/span><\/p>\n<h1>Psychoanalytische Filmbetrachtung<br \/>\nim Cin\u00e9Mayence<\/h1>\n<h4>Kernszene des Films<\/h4>\n<p>Der Gro\u00dfvater von Eve erz\u00e4hlt ihr die Geschichte von einem Raubvogel, der einen kleinen Vogel im Flug erwischte hatte und am Boden zerfetzte. \u201eFeder flogen herum und es sah aus, wie wenn Schnee gefallen sei\u201c und sagt dann f\u00fcr mich die entscheidendsten S\u00e4tze im Film: \u201eEs ist komisch, wenn Du so etwas im Fernsehen siehst, kommt es Dir normal vor, so ist die Natur eben. Aber wenn Du so etwas in der Wirklichkeit siehst, zittern Dir die H\u00e4nde\u201c.<\/p>\n<h4>Orte des seelischen R\u00fcckzuges<\/h4>\n<p>Michael Haneke h\u00e4lt uns \u00fcber weite Strecken mit seiner Kameraf\u00fchrung auf Abstand zum Geschehen. Wir f\u00fchlen uns in einzelnen Passagen des Films vielleicht gelangweilt und gr\u00fcbeln an einzelnen Stellen des Films, was diese oder jene Kameraeinstellung denn soll, bis h\u00e4ufig dann etwas ganz Unterwartetes passiert. Wir betrachten aus einer Totalen lange eine Baustelle, bis pl\u00f6tzlich in der Baugrube ein Teil der St\u00fctzmauer nachgibt und in dessen Folge eine Dixie-Toilette mit in die Tiefe gerissen wird. Vielen von uns wird dabei entgangen sein, dass kurz zuvor ein Mann dort in das Toilettenh\u00e4uschen ging. W\u00e4hrend wir voller Irritation uns auf die nachgebenden St\u00fctzmauer fokussieren, bleibt die Kameraf\u00fchrung starr auf die Totale gerichtet.<\/p>\n<p>Oder aber wir sehen den Cousin von Eve beim Einparken, sind vielleicht \u00fcberrascht und vielleicht auch neidisch, dass ihm das ohne Nachjustieren beim ersten Mal perfekt gelingt und beobachten dann aus der Entfernung ohne Schnitt, wie er zum Eingang eines Wohnkomplexes geht, dort mit einem Mann spricht, der dann pl\u00f6tzlich unvermittelt den Cousin verpr\u00fcgelt und dieser sich nicht wehrt. Warum, wieso, weshalb bleibt v\u00f6llig offen. Anf\u00e4ngliche Rat- und eine gewisse Teilnahmslosigkeit ist die Folge, obgleich sich im Verlauf des Films damit letztlich genau das ganze Elend der Familie, die innere Verzweiflung und der Schmerz von Eve sich in uns leise aber sukzessiv immer st\u00e4rker auszubreiten beginnt.<\/p>\n<p>\u00dcber dieses filmische Stilmittel l\u00e4sst uns Haneke f\u00fchlen, wie Eve die Welt um sich herum erlebt und wahrnimmt, n\u00e4mlich entfernt und m\u00f6glichst teilnahmslos. Sie filmt die Geschehnisse um sie herum, teilweise kommentierend. Wie sagte der Gro\u00dfvater: \u201eEs ist komisch, wenn Du so etwas im Fernsehen siehst, kommt es Dir normal vor, so ist eben. Aber wenn Du so etwas in der Wirklichkeit siehst, zittern Dir die H\u00e4nde\u201c<\/p>\n<p>Was ist nun die Wirklichkeit von Eve: Die Mutter schwer depressiv, der Vater hat die Familie verlassen, als sie 5 Jahre alt ist stirbt der zwei Jahre \u00e4ltere Bruder an einer Lungenentz\u00fcndung, sie vergiftet ihren Hamster und eine Mitsch\u00fclerin und sieht zu, wie die Mutter komat\u00f6s wird und sp\u00e4ter stirbt, sie muss sich mit einer Stiefmutter und einen Halbbruder in einer v\u00f6llig neuen Umgebung arrangieren, erlebt die beiden Suizidversuche des Gro\u00dfvater und auch sie will sich umbringen. Hierbei ist der R\u00fcckzug in eine innere Welt funktional und f\u00fcr Eve eine zentrale und notwendige Abwehrformation, die sich \u2013 wie gesagt, auch \u00fcber das filmische Mittel mitteilt und in uns selbst einstellt.<\/p>\n<p>Und f\u00fcr Eve ist hierf\u00fcr das Smartphone\/Internet etc. ein prothetisches Mittel.<\/p>\n<p>Mit diesen Mitteln ver\u00e4ndern sich fundamental die inneren Repr\u00e4sentanzen und Symbolisierungen von An- und Abwesenheit, von Getrenntheit und Bezogenheit, die Bedeutungen des Blicks des Anderen und Konstellationen der Aufmerksamkeit (King 2018, S. 656). Wer unterwegs ist, stellt \u201eN\u00e4he\u201c in der Ferne her, wer zuhause ist kann Entferntes erreichen. Das mobile Ger\u00e4t mit mobilen Daten und Verbindungen wird zur illusion\u00e4ren Beheimatung und schafft eine ebensolche illusion\u00e4re Verbundenheit abseits einer bedrohlichen face-to-face Interaktion. (King 2018, S. 643) Denn hier droht die unmittelbare Infektion mit Schmerz, Depression, Ohnmacht, Destruktivit\u00e4t aber eben auch die verf\u00fchrerische Sehnsucht nach Gehaltenwerden und Geborgenheit, die aber vermieden werden muss, weil diese Sehnsucht schon fr\u00fch und tief entt\u00e4uscht wurde.<\/p>\n<p>Diese nach Tilman Habermas \u201egeliebten Objekte\u201c \u00fcbernehmen mitunter Hilfs-Ich Funktionen, sind Terminkalender, geben r\u00e4umliche Orientierung und fungieren auch als sog. Generationsobjekte, d.h. Objekte, mit deren Hilfe sich die j\u00fcngere Generation von der \u00e4lteren zu differenzieren sucht. Sie erscheinen als eine Art \u00dcbergangsobjekte [sie kennen Linus von den peanuts mit seiner Schmusedecke] Sog. \u00dcbergangsobjekte unterst\u00fctzen im Alter vom 4-12. Monaten den \u00dcbergang von der ersten fr\u00fchkindlichen Beziehung zur Mutter zu anderen Beziehungen und machen den S\u00e4ugling ein St\u00fcck weit von der unmittelbaren und st\u00e4ndigen Anwesenheit des versorgenden Objektes unabh\u00e4ngig. Sie erm\u00f6glichen damit den Weg hin zur Welt der Objekte. Im Falle des offenbar notwendigen seelischen R\u00fcckzugs sichern die \u201egeliebten Objekte\u201c in der erforderlichen R\u00fcckw\u00e4rtsbewegung diesen R\u00fcckzugsort ab.<\/p>\n<h4>Subjektivit\u00e4t ist immer das Ergebnis von Intersubjektivit\u00e4t<\/h4>\n<p>Nach dem Suizidversuch redet der Vater im Krankenhaus auf Eve ein und meint dann eher hilflos: \u201eWir k\u00f6nnen doch nicht in Dich reinschauen\u201c, worauf Sie antwortet: \u201eDu bist so weit weg\u201c.<\/p>\n<p>Ja, Eve selbst befindet sich weit weg an ihrem seelischen R\u00fcckzugsort, eine Art autistoide Position. Aber sollten nicht Eltern trotzdem eine Ahnung, ein Gef\u00fchl daf\u00fcr haben, wie es den Kindern unausgesprochen geht? Im Unterschied zum Vater gelingt dem Gro\u00dfvater, der sich zwar als vertrottelt darstellt, sie aber zu Beginn mit einem \u201eWillkommen im Club\u201c begr\u00fc\u00dft ein ber\u00fchrender und authentischer Zugang zur Innenwelt von Eve, auch, weil er sich ihr gegen\u00fcber offenbart, seine Frau umgebracht zu haben.<\/p>\n<p>Eve zeigt einen unsicher-vermeidende Bindungsstil, daran abzulesen wie starr und wie wenig moduliert ihre Mimik i.S. einer verminderten emotionalen Schwingungsf\u00e4higkeit ist. Sie funktioniert, zeigt sich \u00fcberaus routiniert und \u201eselbst\u00e4ndig\u201c, als sie ihre Sachen im Hause der Mutter packt. Etwas, was man auch bei Heimkindern beobachten kann. Beim Besuch im Krankenhaus wirkt sie teilnahmslos und will schnell wieder weg, vermeidet. Als sie dann nach dem ersten Schultag vom Vater im Auto abgeholt wird und der Vater sie fragt, wie es war, kann sie die Tr\u00e4nen nicht mehr halten.<\/p>\n<p>Er: \u201eich bin nicht mehr gewohnt eine Tochter zu haben, verzeih mir, ich bin so ungeschickt\u201c. Sie: \u201eFahren wir wieder?\u201c. Der \u00fcberforderte Vater \u00fcberl\u00e4sst es Eve, f\u00fcr die gemeinsame, entlastende und letztlich vermeidende Affektregulierung zu sorgen: ein lang einge\u00fcbtes, vertrautes, bekanntes und offenbar biographisch unbedingt erforderliches Interaktionsmuster.<\/p>\n<p>Die Innenwelt von Eve und ihr hieraus resultierendes Verhalten ist die Folge der fehlenden F\u00e4higkeit der prim\u00e4ren Bezugspersonen zur Einf\u00fchlung (der sog. projektiven Identifizierung), bei einer depressiven, will hei\u00dfen \u201etoten Mutter\u201c oder mit einem emotional \u00fcberforderten weil narzisstischen Vaters.<\/p>\n<p>Eve spiegelt dem Vater in schonungsloser Offenheit, wie sie ihn sieht: \u201eIch wei\u00df, dass Du niemanden liebst, Du hast Mama nicht geliebt, du liebst Aneis nicht, du liebst Claire nicht und du liebst mich nicht. Das ist nicht weiter schlimm, ich will blo\u00df nicht ins Heim\u201c<\/p>\n<p>Diese sog. projektive Identifizierung, die letztlich \u00fcber die F\u00e4higkeit zur Einf\u00fchlung hinausgeht, ist ein \u00fcberaus wichtiger intrapsychischer wie auch interpersonell notwendiger Entwicklungsmotor f\u00fcr die intersubjektive Geburt des Selbst, den Aufbau und die Abgrenzung von inneren Repr\u00e4sentanzen des Selbst und der Objekte.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, das h\u00f6rt sich sehr abstrakt und unverst\u00e4ndlich an. Aber jeder von uns kennt diese Prozesse, besonders wenn man Kinder hat. Denn Kinder kommen nicht auf die Welt und erkl\u00e4ren uns, dass sie Hunger, Bl\u00e4hungen haben usw. Wir m\u00fcssen es ersp\u00fcren, erahnen oder zumindest versuchen wir es. Oder aber wir erleben fast k\u00f6rperlichen Schmerz, wenn diese sich verletzen. Pubert\u00e4re Jugendliche finden uns h\u00e4ufig einfach nur peinlich, b\u00f6se, reglementierend. Und es bedarf manchmal gro\u00dfer Anstrengungen, sich von diesem projizierten Interaktionsangebot des Streitens nicht verf\u00fchren zu lassen und neben allen notwendigen Grenzsetzungen trotzdem zugewandt zu bleiben. wir nennen das zu containen.<\/p>\n<p>Bei Eve k\u00f6nnen wir eindrucksvoll sehen, welche Folgen das Fehlen eines solchen notwendigen empathischen Objektes mit der F\u00e4higkeit zur projektiven Identifizierung haben kann.<\/p>\n<h4>Hilf-, Sprach- und Beziehungslosigkeiten<\/h4>\n<p>Das Primat eines letztlich sinn- und bedeutungsentleerten Handelns dominiert das Geschehen: der Vater macht mit seiner Tochter einen Krankenbesuch bei seiner Ex-Frau, holt sie nach dem Schulwechsel am ersten Tag von der Schule ab, geht mit ihr zum Strand. In einem wirklichen Kontakt zu ihr scheint er nicht zu sein (\u201eich bin nicht mehr gewohnt eine Tochter zu haben, verzeih mir, ich bin so ungeschickt\u201c). Man macht, was notwendig und erforderlich erscheint.<\/p>\n<p>Diese Bindungs- und Beziehungslosigkeit zeigt sich insbesondere auch beim in den Alkohol fl\u00fcchtenden Cousin, der, nachdem er verpr\u00fcgelt wird keinerlei Hilfe annimmt. Bedr\u00fcckend ist nicht nur die Szene in der Karaoke-Bar, sondern auch als die Mutter ihn in seiner dunklen, unm\u00f6blierten und kargen Wohnung besucht: \u201eWie kann ich Dir helfen, bist Du \u00fcberfordert, hast Du Angst, musst Du zu einem Arzt. (&#8230;) Sprich mit mir!\u201c. \u201eIch tauge nichts\u201c, \u201eWas f\u00fcr ein Unsinn\u201c, \u201eDu denkst das doch selbst\u201c. Und genau solche Wahr- und Gewissheiten werden verleugnet und m\u00fcssen offenbar verleugnet werden. Sprache ist kein wirklich sicheres Mittel f\u00fcr einen authentischen und verl\u00e4sslichen emotionalen Austausch. Was sagt Eve zu seinem Vater: \u201eH\u00f6r auf Papa, Theater zu spielen\u201c.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Ausnahme in dem ganzen Geschehen bildet die Stiefmutter und der Gro\u00dfvater. Sie ist diejenige, die die Stieftochter am Abend bei ihrer Ankunft herzlichst umarmt, was der Vater beim sp\u00e4teren Zubettbringen nicht zustande bringen vermag. Sie ist auch diejenige, die um die narzisstische Bed\u00fcrftigkeit des Mannes wei\u00df und sich selbstlos f\u00fcr ihren Mann freut und dem sie unbedingt erz\u00e4hlen m\u00f6chte, dass das gemeinsame Kind bei ihrem Anblick \u201ePapa\u201c sagte.<\/p>\n<p>Der Gro\u00dfvater scheint anfangs schroff und ablehnend, begr\u00fc\u00dft sie aber mit \u201eWillkommen im Club\u201c. Und es ist der Gro\u00dfvater, der ehrlich und authentisch mit Eve anl\u00e4sslich ihres Suizidversuchs in Kontakt tritt: Sie klopft bei ihm an die T\u00fcr und sagt: \u201ePapa sagt, Du willst mit mir sprechen?\u201c, \u201eNein, eigentlich nicht\u201c. Sie bleibt irritiert \u00fcber die ungewohnte Ehrlichkeit an der T\u00fcr stehen. Sp\u00e4ter dann: \u201eMach die T\u00fcr zu Prinzessin und setzt Dich her\u201c. Eine sehr liebevolle Charakterisierung. Sie bleibt an der T\u00fcr stehen; \u201eHast Du Angst\u201c; \u201eNein\u201c; \u201edann setz Dich her\u201c; sie z\u00f6gert, hat dennoch Angst; \u201eNun komm schon\u201c; \u201eGut; Dein Vater hat Dich angeschwindelt, ich will nicht mit Dir sprechen, Dein Vater hat mich gebeten es zu tun. Er sagt, dass Du kein Vertrauen zu ihm hast und er macht sich Sorgen\u201c; sie l\u00e4chelt wissend, fast ein wenig triumphierend; \u201eWarum hast Du versucht, Dich umzubringen\u201c. Sie schweigt. \u201eIch werde Dir etwas erz\u00e4hlen, Du kannst stehen bleiben oder Dich hinsetzen, wie Du willst\u201c Er holt ein Album aus dem Regal und bittet die Protagonistin zweimal, zu ihm zu komme. Er berichtet dann von ihrer Gro\u00dfmutter, die erkrankt und letztlich gel\u00e4hmt war \u201eNach drei Jahren widerw\u00e4rtigen Leiden, habe ich sie erstickt\u201c; fassungslos schaut Eve den Gro\u00dfvater an; \u201ees war die richtige Entscheidung, ich bedaure es keinen Moment\u201c. \u201eDas ist die ganze Geschichte, die ich Dir erz\u00e4hlen wollte, erz\u00e4hlst Du mir Deine Geschichte?\u201c \u201eWelche Geschichte?\u201c; \u201eWarum hast Du die Tabletten genommen. (Schweigen) Glaubst Du ich bin zu dumm es zu verstehen? (sch\u00fcttelt den Kopf)\u201c. Mich hat diese Sequenz sehr ber\u00fchrt und an einen gelungenen und authentischen therapeutischen Kontakt i.S. eines sog. Gegenwartsmomentes (D. Stern) erinnert.<\/p>\n<p>Aber Eve kann noch nicht \u00fcber ihre Motive f\u00fcr den Suizidversuch und ihre m\u00f6gliche Schuld am Tod der Mutter sprechen. Sie muss noch Zuflucht suchen in ihrem alten Muster und erz\u00e4hlt auch eine \u201eGeschichte\u201c nach dem Motto: &gt;&gt;Du hast erz\u00e4hlt, was Du Schlimmes gemacht hast, jetzt erz\u00e4hle ich Dir auch, was ich mal gemacht habe&lt;&lt;. Aber diese Geschichte kann sozusagen wie ein manifester Trauminhalt verstanden werden, der in maskierter Form alle Ingredienzien enth\u00e4lt: Sie wird von der Mutter in ein Ferienlager weggeschickt und soll durch Tabletten ruhiggestellt werden. Diese Entt\u00e4uschungswut und Verzweiflung agiert sie bei einer Mitsch\u00fclerin aus, die sie nicht leiden kann. Au\u00dfer, dass sie nach Hause musste, hatte dieses Handeln keine Konsequenzen<\/p>\n<p>Sie vergiftet, weil sie sich vergiftet f\u00fchlt mit Leid, Depression, L\u00fcge usw. Aber sie ist mit diesen vergifteten inneren Objekten auch identifiziert und mit der dann auf sich geladenen Schuld allein, es findet keine Bestrafung statt. Ein Bereuen kann es nur vordergr\u00fcndig geben und von daher transformiert sich ein Strafbed\u00fcrfnis autoaggressiv i.S. des Suizidversuches.<\/p>\n<h4>Spielarten der Destruktivit\u00e4t<\/h4>\n<p>Der Hund, der die Tochter einer Angestellten gebissen hat muss ausgesperrt werden und steht damit paradigmatisch f\u00fcr den Umgang mit aggressiven Impulsen in der Gro\u00dffamilie. Streitigkeiten bei Tisch zu Beginn des Films zwischen Tante und Cousin werden vom Gro\u00dfvater, der Ruhe will, unterbunden. Die K\u00f6rperverletzung des Cousins durch den Sohn des schwer verletzten Arbeiters wird funktional zur Schuldabwehr und im Firmeninteresse genutzt, um m\u00f6gliche Schadenersatzanspr\u00fcche abzuwenden. Unmittelbare Formen der Destruktivit\u00e4t und Aggressivit\u00e4t m\u00fcssen im Verborgenen stattfinden (Vergiftung) oder aber sind autoaggressiv gewendet.<\/p>\n<p>Aber es gibt zwei Ausnahmen: anl\u00e4sslich des 80. Geburtstages des Gro\u00dfvaters stellt der Cousin zur Besch\u00e4mung der Anwesenden eine Bedienstete als \u201emarokkanische Sklavin\u201c blo\u00df und anl\u00e4sslich der Verlobungsfeier der Mutter provoziert er einen Eklat, woraufhin die Mutter ihm bezeichnender Weise den rechten Mittelfinger bricht! Der Protest und das symbolische Aufbegehren gegen\u00fcber dem Werteverfall einer seelenlosen und teilweise korrupten gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Gesellschaft und deren Gehabe soll unterbunden, gebrochen werden.<\/p>\n<p>Davor mag der Gro\u00dfvater nur fl\u00fcchten und l\u00e4sst sich im im Zuge dessen von Eve herausfahren und bittet sie, ihn auf einer absch\u00fcssigen Ebene ins Meer rollen zu lassen.<\/p>\n<h4>Innen versus au\u00dfen \/ Ich und Du<\/h4>\n<p>In Calais, an dem die westliche Welt mit dem Elend und den Folgen einer globalisierten Welt konfrontiert wird, trifft die sich in Aufl\u00f6sung befindliche gro\u00dfb\u00fcrgerliche Familienstruktur auf Migranten, die nach Europa dr\u00e4ngen. Aber bezeichnenderweise stammt das Personal, das die Funktionalit\u00e4t und den Alltag der Gro\u00dffamilie auch mit einer gewissen F\u00fcrsorglichkeit gew\u00e4hrleistet genau aus diesen L\u00e4ndern: die St\u00fctzmauer beginnt zu br\u00f6ckeln.<\/p>\n<p>Europa, Amerika, Australien schotten sich ab und die Fl\u00fcchtlinge und Migranten bieten eine Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr das ganze Destruktive der jeweiligen Gesellschaften. Zugleich schaffen diese Gesellschaften auch Rahmenbedingungen, wie mit dem sog. \u201eDschungel von Calais\u201c, in der sich dann auch genau ein solcher aggressiv agierender Resonanzk\u00f6rper weiter ausbilden und quasi als Best\u00e4tigung f\u00fcr die Projektionen wirksam werden kann.<\/p>\n<p>Das aggressive Gro\u00dfmachtstreben einhergehend mit der Ausbeutungsneigung westlicher Gesellschaften sicherte die Wirtschaftskraft und das hohe Bruttosozialprodukt und f\u00e4llt nunmehr auf sie selbst zur\u00fcck und demaskiert eine fadenscheinige \u201ef\u00fcrsorgliche\u201c Entwicklungshilfepolitik, wenn man sieht, wie sie sich mit Tr\u00e4nengas, Mauern und Internierungslagern gegen das nach au\u00dfen hin projizierte Destruktive zur Wehr zu setzen suchen. So dominiert im Zeitgeist aktuell eher das Prinzip \u201eEntweder-Oder\u201c und eben nicht das \u201eSowohl-Als-Auch\u201c. Und zugleich verwischen sich die Grenzen, wer oder was hier die eigentlich destruktive Kraft ist.<\/p>\n<p>Aber diese geopolitische Dynamik l\u00e4sst sich auf die innere Welt von Eve herunterbrechen: genau besehen ist sie beides, Opfer und T\u00e4terin der Destruktiven. Sie ist Opfer, aufgewachsen mit einer depressiven, will hei\u00dfen zur Empathie nicht ausreichend f\u00e4higen Mutter, verlassen vom \u00fcberforderten, weil narzisstisch akzentuierten Vater. Sie lebt die verinnerlichte Destruktivit\u00e4t aus, indem sie ihren Hamster, die Mitsch\u00fclerin und vermutlich auch die Mutter vergiftet. Und uns allen stockte vielleicht der Atem, als sie alleine auf ihren Halbbruder aufpassen sollte, diesen \u00e4hnlich wir ihren Hamster abfilmte. Wir h\u00e4tten ihr den Brudermord auch zugetraut, aber sie liebt ihn anstelle des gestorbenen \u00e4lteren Bruders. Jetzt ist sie die \u00c4ltere.<\/p>\n<p>Das Gute, das Destruktive liegt in der Innenwelt von Eve nahe beieinander, die Grenzen verwischen sich. Eve zeigt alle Aspekte eines sogenannten falschen Selbst: sie ist und musste Expertin f\u00fcr die Innenwelt Anderer sein und hat zugleich wenig oder nur einen unzureichenden Zugang zu sich. H\u00e4ufig antwortet sie auf an sie gestellten Befindlichkeitsfragen mit \u201eich wei\u00df es nicht\u201c. Aufgrund der unzureichenden F\u00e4higkeit ihrer Bezugspersonen zur projektiven Identifizierung ist sie sozusagen angereichert mit fremden inneren, depressiven und destruktiven Objekten und sie kann diese nicht von eigenen unterscheiden kann, weil sie im Rahmen einer ausreichenden M\u00fctterlichkeit nicht in ihrem Sosein gespiegelt wurde. Von daher wei\u00df sie eigentlich gar nicht so genau, wer sie ist, funktioniert aber im Sinne des falschen Selbst und erf\u00fcllt die an sie gestellten Erwartungen.<\/p>\n<p>Entweder sie ist einsam aber gesch\u00fctzt an ihrem inneren R\u00fcckzugsort, oder aber sie geht das Wagnis eines Kontaktes ein, setzt sich dann aber der Wiederholung, des Nichtverstandenwerden, der Verletzung und der Infizierung mit vergiftenden Interaktionen aus. Letztlich durfte sie nicht die F\u00e4higkeit erwerben, f\u00fcr sich sein zu k\u00f6nnen in der Anwesenheit des Anderen. Diese F\u00e4higkeit zum Alleinsein setzt eben voraus, dass sie auf gute innere Objekte zur\u00fcckgreifen und damit nicht auf die immerw\u00e4hrende Anwesenheit eines guten \u00e4u\u00dferen Objektes angewiesen ist.<\/p>\n<h4>Flucht aus der Wirklichkeit als Happy End<\/h4>\n<p>Zwischen Eve und dem Gro\u00dfvater entsteht letztlich eine gro\u00dfe wechselseitige innere Verbundenheit, vielleicht die Einzige: w\u00e4hrend sie mit Hilfe des Smartphones Abstand zur \u00e4u\u00dferen und Zuflucht in ihrer inneren Welt zu finden sucht, m\u00f6chte der Gro\u00dfvater durch Suizid aus der Welt entfliehen. Durch die Absurdit\u00e4t seiner verschiedenen Versuche, wie Migranten oder aber den Friseur um Sterbehilfe zu bitten hilft uns Haneke, zu diesem Thema Abstand zu halten. Diese Bem\u00fchungen wirken skurril, fast witzig und das, obgleich fast 45% der Suizide in Deutschland durch die \u00fcber 60-J\u00e4hrigen erfolgen.<\/p>\n<p>Eve und der Gro\u00dfvater sind in der Flucht vor der Wirklichkeit vereint: der Gro\u00dfvater l\u00e4sst sich ins Wasser gleiten und Eve zieht sich hinter ihr Smartphone zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Happy End?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M. Haneke (2017): \u201eHappy End\u201c Inhalt des Films: Der gew\u00e4hlte Titel des Films hat initial verf\u00fchrerische Qualit\u00e4t, weil er das ubiquit\u00e4re Bed\u00fcrfnis, dass alles gut werden soll zu bedienen verspricht.&hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","template":"","meta":{"ngg_post_thumbnail":0},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.u-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/591"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.u-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.u-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.u-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.u-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=591"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.u-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/591\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":593,"href":"https:\/\/www.u-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/591\/revisions\/593"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.u-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=591"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}