{"id":497,"date":"2017-02-17T17:23:19","date_gmt":"2017-02-17T16:23:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.u-porsch.de\/?page_id=497"},"modified":"2018-12-31T12:24:26","modified_gmt":"2018-12-31T11:24:26","slug":"liebe","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.u-porsch.de\/?page_id=497","title":{"rendered":"Liebe"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Michael Haneke (2012): \u201e<em>Liebe\u201c<\/em><\/strong><\/h1>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"\/\/www.youtube.com\/embed\/bydem-Or5ck\" width=\"560\" height=\"314\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\"><strong><span style=\"color: #008080;\">Inhalt des Films:<\/span><\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #008080; font-size: 10pt;\"> Michael Haneke zeigt in seinem Film die Liebe und innige Verbundenheit eines Ehepaares, zweier pensionierter Musikprofessoren, eindrucksvoll gespielt von Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant, in deren gewohntes und ruhiges Leben die Frau pl\u00f6tzlich erkrankt und nach einem miss-lungenen chirurgischen Routineeingriff pflegebed\u00fcrftig wird. Der quasi als Kammerspiel inszenierte Film mit gro\u00dfer Suggestivkraft f\u00fcr den Zuschauer spielt fast \u00fcberwiegend in den R\u00e4umen einer gro\u00df-b\u00fcrgerlichen Pariser Wohnung und zeigt in ungeschminkter Unmittelbarkeit, mit gro\u00dfer Einf\u00fchlsam-keit, N\u00e4he zu den Protagonisten und minimalistischen filmischen Mitteln, wie das alternde Ehepaar bewusst auf sich und ihre innere Verbundenheit zur\u00fcckgezogen mit der Pflegebed\u00fcrftigkeit der Ehefrau leben, wohlwissend, was und wie das Ende sein wird. Der Film ist mehrfach ausgezeichnet, erhielt u.a. 2012 die Goldene Palme f\u00fcr den besten Film in Cannes und 2013 den Oscar und den Golden Globe awards f\u00fcr den besten fremdl\u00e4ndischen Film.<\/span><\/p>\n<h1>Psychoanalytische Filmbetrachtung<br \/>\nim Cin\u00e9Mayence<\/h1>\n<h4>Prolog:<\/h4>\n<p>Ich wei\u00df nicht, wie es Ihnen jetzt geht. Aber als ich zum ersten Mal den Film sah dachte ich, wann ist es endlich vorbei.<\/p>\n<p>Der Film konfrontiert uns in gnadenloser Offenheit ohne jeglichen Voyeurismus mit Themen, die wir am liebsten verdr\u00e4ngen m\u00f6chten. An manchen Momenten m\u00f6chten wir einfach nicht teilnehmen, z.B. die gro\u00dfe Besch\u00e4mung der Musikprofessorin Anna die, die vermutlich aufgrund eines weiteren Schlaganfalls das Wasser nicht mehr halten und ins Bett urinieren musste sp\u00e4ter gewickelt wird und damit den Rest ihrer W\u00fcrde verliert und andere Beispiele. Durch die filmischen Mittel der ruhigen und \u201eunaufgeregten\u201c Kameraf\u00fchrung nehmen wir intim am Leben der Beiden in ihrer Pariser Altstadtwohnung teil.<\/p>\n<p>Es ist vielleicht wenig bekannt, dass die Suizidraten im Alter sehr hoch sind. Bei den \u00fcber 85j\u00e4hrigen M\u00e4nnern liegen sie 5x und bei den gleichaltrigen Frauen 4x h\u00f6her als der Durchschnitt in der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<h4>Der gemeinsame Innenraum des Paares<\/h4>\n<p>Die Individualit\u00e4t des Paares erfahren wir ausschlie\u00dflich in der Altstadtwohnung. Nur dort sind sie in ihrem vertrauten Raum, einem Raum, der auch uns im Verlauf des Filmes immer vertrauter wird. Bis auf das Kabinett, in dem Georges nach der T\u00f6tung der Frau schl\u00e4ft, sind uns alle R\u00e4umlichkeiten sehr vertraut. Und im Kabinett sind auch die Erinnerungen des Paares in Form von Fotoalben aufbewahrt. Dies ist neben dem Esszimmer, dass das Paar nicht benutzt, der einzige Ort in der Wohnung, in die wir nur von au\u00dfen ein wenig hinein schauen durften. Einerseits scheint es das Refugium des Mannes zu sein. Andererseits diente das Kabinett meist nahe bei der K\u00fcche in b\u00fcrgerlichen und gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Pariser Wohnungen, als Schlafplatz des Hausgesindes. Und letztlich wurde Georges mit der Erkrankung von Anna ja in gewisser Weise zum Gesinde, neben aller Liebe, Warmherzigkeit und F\u00fcrsorge. Und es gibt Hinweise, dass diese implizite Schieflage zwischen Georges und Anna schon l\u00e4nger die partnerschaftliche Beziehung pr\u00e4gte, aber dazu sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Au\u00dferhalb ihrer Wohnung, besonders beim Klavierkonzert, bei der anschlie\u00dfenden Zusammenkunft mit dem Pianisten und der Busfahrt sind sie einer von vielen. In dem Blick von der B\u00fchne ins Publikum sucht man f\u00f6rmlich nach den Akteuren, um die es gehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Nur in der Wohnung, angef\u00fcllt mit den Erinnerungen eines langen und erf\u00fcllten Lebens werden sie in ihrer Eigenst\u00e4ndigkeit sichtbar und in ihrer gemeinsamen Choreographie erleb- und f\u00fchlbar. Und der versuchte (unprofessionelle) Einbruch in die Wohnung, den das Paar nach der R\u00fcckkehr vom Konzert bemerkt, nimmt symbolisch vorweg, was am folgenden Tag \u00fcber das Paar einbrechen wird. Aber nichts bleibt wie es ist. Anfangs erscheint die Wohnung mit dem Fischgr\u00e4tenparkett, den Landschaftsbildern b\u00fcrgerlich sch\u00f6n, immer mehr im Verlauf des Films bemerkt man, wie verwohnt diese ist, wie lange sie schon nicht mehr renoviert wurde, eine Wohnung von alten Menschen eben.<\/p>\n<p>Und \u00fcber die einbrechende Erkrankung von Anna findet das Leben nunmehr fast vollst\u00e4ndig in der Wohnung statt. Und, wie Georges im Zusammenhang mit der Erkrankung formuliert: &#8222;nichts von alledem ist es wert, vorgezeigt zu werden&#8220;. Das Paar isoliert sich.<\/p>\n<p>Dem Dilettantischen des versuchten Einbruchs in die Wohnung mit einem Schraubenzieher und der &#8222;missgl\u00fcckten&#8220; Operation setzt von nun an Georges mit Bewunderung des Hausmeisterpaares eine professionelle, perfektionistische und aufopferungsvolle Pflege der Ehefrau entgegen, die in ihrer Selbstlosigkeit narzisstische Gr\u00f6\u00dfe offenbart. W\u00e4hrend die Zuschauer an allem teilnehmen &#8222;m\u00fcssen&#8220;, wird Annas Erkrankung &#8211; nicht zu \u00fcbersehen, weil sie im Rollstuhl sitzt &#8211; z.B. anl\u00e4sslich des Besuchs von Alexandre, einem ehemaligen Sch\u00fcler zum Tabu erkl\u00e4rt. Bezeichnenderweise bittet Anna Alexandre nochmals die <u>Bagatelle<\/u> von Beethoven zu spielen, um auch an alte Zeiten ankn\u00fcpfen zu k\u00f6nnen. Alles ist eine Bagatelle, eine Kleinigkeit und bis zum zweiten Schlaganfall dominiert das Bem\u00fchen um scheinbare Normalit\u00e4t aber letztlich auch um Verleugnung. So sagt Georges beim Besuch der Tochter vor der Heimkehr von Anna: &#8222;ehrlich gesagt ist das alles aufregend&#8220;. Es ist aufregend seine schwer kranke Frau zu pflegen, obgleich Georges selbst nicht gut zu Fu\u00df ist?<\/p>\n<p>Anna antwortet sp\u00e4ter auf das f\u00fcrsorgliche Bem\u00fchen von Georg: &#8222;Du musst mir nicht st\u00e4ndig das H\u00e4ndchen halten&#8220; und &#8222;ich bin doch kein Kr\u00fcppel&#8220;. Zugleich schickt sie ihn aus dem Zimmer, damit er nicht ihre M\u00fche sieht, die sie, halbseitig gel\u00e4hmt mit dem Aufschlagen und Lesen eines Buches hat. Wir bleiben als Zuschauer im Raum!<\/p>\n<p>F\u00fcr das Paar, beide pensionierte Musikprofessoren haben mit der Annas Erkrankung die Musik und auch das Klavierspiel als drittes Objekt, auf das beide ausgerichtet waren, <u>vielleicht ausgerichtet sein mussten<\/u>, an Bedeutung verloren. Nun sind sie verst\u00e4rkt auf sich selbst und die qu\u00e4lende Realit\u00e4t zur\u00fcckgeworfen, m\u00f6glicherweise aber auch auf eine verborgene partnerschaftliche Dynamik, die bislang gut mit ihrem gemeinsamen Fokus auf die Musik sublimiert werden konnte.<\/p>\n<p>Die bekannten Objekte der Au\u00dfenwelt, wie die Tochter und Alexandre, der Sch\u00fcler sind mit sich selbst besch\u00e4ftigt. Andere, wie das Hausmeisterehepaar und auch die sp\u00e4ter gek\u00fcndigte Pflegerin sehen in dem Paar prim\u00e4r eine anzuzapfende Geldquelle. Beides zusammen mit dem drohenden und tats\u00e4chlich stattgefundenen Verlust der W\u00fcrde verst\u00e4rkt die durchaus gewollte Isolierung des Paares. Es mutet fast schon so an, wie wenn in Naturv\u00f6lker die Alten und Sterbenden sich von der Gemeinschaft entfernen, um dieser nicht zur Last zu fallen, vielleicht aber auch, um sich noch ein St\u00fcck W\u00fcrde erhalten zu k\u00f6nnen. Nur Regisseur Haneke erspart uns die Teilnahme hier nicht.<\/p>\n<h4>Der Umgang mit der Hilflosigkeit<\/h4>\n<p>Der Anfang des Films offenbart uns bereits das Ende, n\u00e4mlich dass Anna sterben wird. Wir als Zuschauer gehen mit diesem Wissen in den Film, sind aber sozusagen unwissend, wie es dazu kommen wird und m\u00fcssen uns jeweils \u00e4hnlich wie Georges von den Entwicklungen mitnehmen, uns \u00fcberraschen lassen. Georges formuliert die Dynamik im Gespr\u00e4ch mit der Tochter so: &#8222;Es wird weiter gehen, wie es immer weiter gegangen ist. Es wird immer schlechter gehen und irgendwann ist es aus.&#8220; Es gibt die Gewissheit des Endes, aber eben auch die unertr\u00e4gliche Ungewissheit des Zeitpunktes, des &#8222;irgendwann&#8220;, wie Georges es formuliert. Diese Gleichzeitigkeit von Wissen und Nicht-Wissen l\u00f6st Ohnmacht und Hilflosigkeit aus, was sehr fr\u00fch f\u00fcr Anna und dann letztlich auch f\u00fcr Georges nicht mehr aushaltbar ist und sich in der von ihr gew\u00fcnschten T\u00f6tung entl\u00e4dt.<\/p>\n<p>&#8222;Verzeih mir, ich war zu langsam&#8220; sagt Anna, als sie am Boden des ge\u00f6ffneten Fenster sitzt und moniert, dass Georges ihrer Meinung nach zu fr\u00fch von einer Beerdigung zur\u00fcck kam. Es war wohl ein missgl\u00fcckter Selbstmordversuch. Sie will einfach nicht mehr leben, weil es keinen Grund gibt. &#8222;Warum soll ich uns das antun, Dir und mir?&#8220;. \u00dcber den Prozess der Erkrankung ver\u00e4ndert sich die partnerschaftliche Choreographie Schritt f\u00fcr Schritt. Obgleich beide Musikprofessoren, stand er beruflich wohl in ihrem Schatten, z.B. wenn der k\u00fcnstlerische Erfolg eines Sch\u00fclers auch auf sie abf\u00e4rbte und sie zugleich mit einer g\u00f6nnerhaften und vordergr\u00fcndigen Bescheidenheit das eigene Zutun dem Flei\u00df und dem Talent des Sch\u00fclers unter ordnete. Aber eigentlich sieht sie den Sch\u00fcler als Selbstobjekt und seinen Erfolg als Resultat ihrer Bem\u00fchungen. Diese auf ein \u00e4u\u00dferes Objekt gerichtete narzisstische Perspektive bricht mit der Erkrankung weg, zumal der Sch\u00fcler Alexandre beim H\u00f6flichkeitsbesuch ihr nicht wirklich Reverenz erweist. Er hat es schlichtweg vergessen ihr eine CD mitzubringen. Diese Kr\u00e4nkung wird nur notd\u00fcrftig dadurch repariert, da sie ihn mit dem Kauf der CD unterst\u00fctzen wollen, \u201eund wenn es nur 20\u20ac sind.\u201c<\/p>\n<p>Der Selbstmordversuch am Fenster, der mehrfache verzweifelte Versuch das Essen zu verweigern sind hilflose Versuche Annas narzisstisch \u00fcber sich, den K\u00f6rper und \u00fcber das Leben selbst und ohne Georges bestimmen zu wollen. Dieser andererseits bem\u00e4chtigt sich bei aller und mit aller Liebe und F\u00fcrsorglichkeit seiner Frau. Er bekommt die Oberhand, entscheidet genau besehen letztlich \u00fcber Leben und Tod. F\u00fcr Anna ist diese Hilflosigkeit so unertr\u00e4glich, dass sie den Tod vorziehen m\u00f6chte. Und f\u00fcr Georges ist es unertr\u00e4glich, dass sie f\u00fcr sich diese Entscheidung f\u00e4llen m\u00f6chte und schl\u00e4gt sie im Affekt ins Gesicht, als sie wieder einmal versucht, das Essen und Trinken zu verweigern und es ausspuckt.<\/p>\n<p>Jeder bleibt bei seiner narzisstischen Perspektive und will diese nicht durch die Perspektive des Anderen kontaminieren.<\/p>\n<p>Kurz nach der R\u00fcckkehr aus dem Krankenhaus und in dem gemeinsamen Bem\u00fchen um Normalit\u00e4t am K\u00fcchentisch gibt es eine Szene, in der Georges eine f\u00fcr ihn peinliche Geschichte aus der Kindheit erz\u00e4hlt, in der er beim Reden \u00fcber einen Film hat weinen m\u00fcssen. Das Reden \u00fcber den Film h\u00e4tte noch mehr Gef\u00fchle mobilisiert, als der Film selbst. Sie findet das \u201eh\u00fcbsch\u201c, fragt sich, warum er ihr die Geschichte noch nie erz\u00e4hlt habe, worauf er kokett antwortet, dass er noch vieles nicht erz\u00e4hlt habe, worauf sie fragt, ob er auf seine alten Tagen noch an seinem Image r\u00fctteln m\u00f6chte. Als er dann weiter nach seinem Image fragt meint sie: &#8222;Du bist ein Monster, manchmal, aber Du bist nett&#8220;. In der scherzenden und sicher auch zugewandt-stichelenden Art des Umgangs miteinander ist die Wahrheit gut verpackt. Denn die Szene zeigt auch, dass wenn \u00fcber Gef\u00fchle gesprochen w\u00fcrde, es zu \u00fcberaus peinlichen Momenten kommen k\u00f6nnte, auch zwischen den beiden.<\/p>\n<p>Obgleich der Film Liebe hei\u00dft, gibt es m.E. nur eine Stelle, in dem das Wort ausgesprochen wird. Jedoch weder von Georges noch von Anna, sondern von der Tochter. Denn wenn diese als Kind die Eltern miteinander schlafen h\u00f6rt, konnte sie sich sicher, dass die Eltern sich lieben und alles gut bleiben wird.<\/p>\n<p>Georges ist kein nettes Monster, sondern er ist nett, bem\u00fcht, liebevoll und f\u00fcrsorglich zu sein, aber letztlich aus Annas Perspektive auch ein Monster.<\/p>\n<h4>Die Liebe und das verborgene Destruktive<\/h4>\n<p>&#8222;Entgegen g\u00e4ngiger Klischees ist festzustellen, dass die reine Liebesheirat nicht sehr weit verbreitet ist. Nur etwa jede siebte Eheschlie\u00dfung folgt diesem Muster. Liebe scheint also, technisch gesprochen, eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung f\u00fcr Heirat zu sein.&#8220; (Seiffge-Krenke &amp; Schneider 2012, Familie &#8211; nein danke?)<\/p>\n<p>Liebesheiraten bzw. die freien Partnerwahl waren in Europa erst seit dem 19. Jahrhundet m\u00f6glich. Zuvor konnte man nur hoffen, dass sich durch &#8222;Zufall oder durch Gewohnheiten des Ehelebens die Liebe allm\u00e4hlich einstellte&#8220; (Badinter, 1980; zitiert nach Seiffge-Krenke &amp; Schneider 2012). Sozialwissenschaftlicher betrachten die Liebe als Moment, wenn zwei Partner das Gef\u00fchl haben, &#8222;das beste Objekt gefunden zu haben, das f\u00fcr sie in Anbetracht des eigenen Tauschwerts auf dem Markt erschwinglich ist.&#8220; (E. Fromm1956\/2005; zitiert nach Seiffge-Krenke &amp; Schneider 2012). Eine ern\u00fcchternde Perspektive.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise ist das, was bindet noch viel weit- und tiefgehender, als das, was wir landl\u00e4ufig unter einer romantischen Liebe subsummieren. Und zwar so weitreichend, dass h\u00e4ufig, wenn in einer langen Ehe ein Partner verstirbt, der Verwitwete entweder kurz hierauf erkrankt oder ebenso stirbt. Wie wenn der Eine ohne den Anderen nicht zu leben vermag. Untermauert werden solche Annahmen durch fr\u00fche tierexperimentelle Untersuchungen die zeigen, wie stark unsere biologischen, scheinbar autonomen Regulationssysteme so autonom eigentlich gar nicht sind, sondern dass wir immer wieder sehr auch auf die externe, d.h. die \u00e4u\u00dfere Regulation angewiesen sind. Und dies betrifft nicht nur unsere psychische Befindlichkeit, sondern wohl auch unsere physiologischen Regulationssysteme.<\/p>\n<p>Die Liebe und die Destruktivit\u00e4t liegen hier eng beieinander (das Monster und der nette Mann). Die Aufgaben eines Elternpaares und die Verbundenheit im Alter haben m\u00f6glicherweise eine auch beruflich aufgeladene Konkurrenz und Rivalit\u00e4t der Musikprofessoren \u00fcberdecken helfen, die jetzt \u00fcber die Erkrankung wieder aufbricht. Vielleicht auch in einen archaischen Triumpf m\u00fcndet, der \u00fcber die liebevolle und f\u00fcrsorgliche Zuwendung per Verkehrung ins Gegenteil abgewehrt wird. N\u00e4mlich der archaische Triumpf, wer als Erster ins Gras bei\u00dft, wer krank wird und stirbt und wer den Anderen tot pflegt usw.<\/p>\n<p>Nach dem Besuch der Tochter, die sich vergewissert, dass Anna noch lebt, klart diese einmalig nochmals auf. Beide erinnern sich an das erste Treffen, an dem Georges so verkrampft so &#8222;seri\u00f6s&#8220; gewesen war. Sie sind damit symbolisch am Anfang der Beziehung und zugleich am Ende des gemeinsamen Weges angelangt. Denn kurz darauf, als Georges beim Rasieren ist, setzt der sprachliche Automatismus wieder ein: sie ruft: Hilfe, Hilfe. Er kommt, tr\u00f6stet sie, meint, dass alles wieder gut wird und erz\u00e4hlt ihr eine Geschichte aus seiner Kindheit, als er mit anderen Kindern in ein Ferienlager kam und dort gezwungen wurde Dinge zu tun, die er hasste. Er erkrankte an Diphterie, kam ins Krankenhaus auf eine Isolierstation, wo er seine Mutter nur hinter der Glasscheibe sehen konnte. Daraufhin erstickt er Anna mit <u>seinem<\/u> Kopfkissen.<\/p>\n<p>In seiner Vorstellung erl\u00f6st er sich und Anna von dem Zwang etwas zu tun, was beide sich anders vorgestellt haben. Wie sagte Anna nach dem vermuteten Selbstmordversuch am Fenster: &#8222;aber die Vorstellung und die Wirklichkeit haben wenig gemein&#8220;. Und beide haben sich das ganz anders vorstellt und die Konfrontation mit der Realit\u00e4t ist einfach unendlich qu\u00e4lend.<\/p>\n<p>Georges muss sich endg\u00fcltig eingestehen, dass er den Kontakt zu ihr verloren hat, gleich wie es ihm mit der Mutter im Krankenhaus erging (die Mutter war hinter einer Glasscheibe). Georges brauchte Anna auch zur eigenen narzisstischen Stabilisierung. Nun muss er sich eingestehen, dass sein eigenes narzisstischen Begehrens, Anna f\u00fcr sich festhalten zu wollen gescheitert ist. Er kann keinen Kontakt mehr herstellen.<\/p>\n<p>Gewisserma\u00dfen in der T\u00f6tung von Anna (\u201ealles wird wieder gut\u201c) sind beide in ihrem jeweiligen narzisstischen Begehren wieder vereint. Sie erh\u00e4lt den Triumpf der Wunscherf\u00fcllung dem Dahinvegetieren ein Ende zu bereiten, allerdings fast w\u00fcrdelos. \u201eAber ich will nicht mehr, nicht Deinetwegen sondern Meinetwegen.\u201c Er verkehrt sein narzisstisches Scheitern und sein Ohnmachtsgef\u00fchl durch den Akt der T\u00f6tung ins Gegenteil, d.h. ins Machtvolle. Diese Umkehrung konnte f\u00fcr Georges allerdings nur dadurch gelingen, weil es ihm mit der halluzinatorischen Wunscherf\u00fcllung m\u00f6glich geworden ist, das verloren gegangene Objekt imagin\u00e4r in sich neu aufzurichten. Er sieht sie Klavierspielen und sie verl\u00e4sst mit ihm sp\u00e4ter die Wohnung und erinnert ihn daran, den Mantel anzuziehen, so wie sie es wohl immer gemacht hat. So gesehen kann er auf die wirkliche, auf die reale und kranke Anna verzichten, weil er Zuflucht in seiner inneren Vorstellung fern ab von der Realit\u00e4t gefunden hat.<\/p>\n<h4>Exkurs: Die Taube und das Wasser<\/h4>\n<p>Im Buch Mose, Kapitel 8 hei\u00dft es: \u201eDann lie\u00df er eine Taube hinaus, um zu sehen, ob das Wasser auf der Erde abgenommen habe. Die Taube fand keinen Halt f\u00fcr ihre F\u00fc\u00dfe und kehrte zu ihm in die Arche zur\u00fcck, weil \u00fcber der ganzen Erde noch Wasser stand. Er streckte seine Hand aus und nahm die Taube wieder zu sich in die Arche. Dann wartete er noch weitere sieben Tage und lie\u00df wieder die Taube aus der Arche. Gegen Abend kam die Taube zu ihm zur\u00fcck, und siehe da: In ihrem Schnabel hatte sie einen frischen Olivenzweig. Jetzt wusste Noah, dass nur noch wenig Wasser auf der Erde stand. Er wartete weitere sieben Tage und lie\u00df die Taube noch einmal hinaus. Nun kehrte sie nicht mehr zu ihm zur\u00fcck.\u201c<\/p>\n<p>Beide, Georges und Anna scheinen in ihrer Wohnung wie auf einer Arche zu leben.<\/p>\n<p>Auch im Film taucht immer wieder das Wasser auf: Georges l\u00e4sst es laufen, als Anna nicht ansprechbar ist und er ein Handtuch anfeuchtet. Er findet Anna am ge\u00f6ffneten Fenster bei str\u00f6mendem Regen, nachdem er von einer Beerdigung zur\u00fcckkommt. In einem Traum verl\u00e4sst Georges die Wohnung und bemerkt, dass au\u00dferhalb der eigenen Wohnung alles am Zerfallen ist: der Aufzug ist defekt, der Hausflur verkommen und schlie\u00dflich steht er mit den F\u00fc\u00dfen im Wasser und eine Hand h\u00e4lt ihm den Mund zu und nimmt damit vorweg, was er Anna antun wird. Und schlie\u00dflich: Anna kann ihr Wasser nicht mehr halten.<\/p>\n<p>Die Taube kommt zweimal in die Wohnung durch das Fenster zum Hinterhof. Beim ersten Mal vertreibt er sie wieder, bei zweiten Mal f\u00e4ngt er sie mit einem Tuch und streichelt sie. Anfangs ist der Zuschauer unsicher, ob er sie nicht auch wie Anna t\u00f6tet. Erst als wir ihm beim weiteren Schreiben zusehen d\u00fcrfen erfahren wir, dass er sie freigelassen hat. Letztlich symbolisiert auch Anna diese Taube, die er schlie\u00dflich gehen lassen kann. Im \u00fcbertragenen Sinne kann sie jetzt durch das ge\u00f6ffnete Fenster im Schlafzimmer entweichen, w\u00e4hrend ansonsten alles abgedichtet ist und, wie es in der Genesis hei\u00dft, nie mehr zu ihm zur\u00fcck kehren. Das Wasser ist weg und Georges kann die Wohnung verlassen.<\/p>\n<h4>Fazit<\/h4>\n<p>Kehren wir zum Schluss nochmals an den Anfang zur\u00fcck und zu meinem Gef\u00fchl, wann ist es endlich vorbei?<\/p>\n<p>Hier dr\u00fcckt sich eben auch die ubw. Phantasie aus, dass man dem Ganzen ein Ende setzen kann und muss, weil es unertr\u00e4glich ist. Ein solcher Gedanke nimmt quasi die T\u00f6tung, die dann auch erfolgt vorweg. Und manchmal ist es schlimm, wenn unsere verdr\u00e4ngten, verleugneten und vorbewussten Phantasien vor unseren Augen in Handlung umgesetzt werden. Das m\u00f6chten wir uns weder vorstellen, noch mit ansehen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Hilfreich ist hierbei auch die gemeinsame Verstoffwechselung von Eindr\u00fccken und Gef\u00fchlen, sei es im Gespr\u00e4ch mit Freunden nach einem solchen Film, bei uns in der Filmarbeitsgruppe oder aber in einem Workshop mit Teilnehmern aus dem Weiterbildungsstudiengang Psychodynamische Psychotherapie der Psychosomatischen Universit\u00e4tsklinik in dem wir uns gemeinsam diesen Film angeschaut hatten. Vieles aus der dortigen engagierten, lebendigen und kenntnisreichen Diskussion hat mich entweder weiterdenken lassen oder fand direkt Eingang in die Ausf\u00fchrungen. Mein besonderer Dank und Anerkennung gilt daher den Kolleginnen Frau Adler, Frau Arayaie-K\u00f6nig, Frau Bartsch, Frau Gisbert-Schuppan, Frau Wolf und Frau Wunder.<\/p>\n<p>Wem geh\u00f6rt der Tod: geh\u00f6rt er Anna, geh\u00f6rt er Georges, geh\u00f6rt er den Hinterbliebenen? Wer bestimmt hier\u00fcber?<\/p>\n<p>Der Film endet damit, dass die Tochter wieder in die Wohnung kommt und sich schlie\u00dflich auf dem Sessel des Vaters Platz nimmt. Wie wenn jetzt wieder alles von vorne beginnen wird in der n\u00e4chsten Generation?<\/p>\n<p>Haneke in einem Interview vom 20. September 2012: <strong>\u201e <\/strong>Die dramatische Kunst lebt vom Konflikt. Das nehme ich wirklich ernst. Sonst pl\u00e4tschern die Filme nur vorbei. Das kann mir zwar zwei angenehme Stunden bereiten, aber ich selbst will immer Filme sehen oder B\u00fccher lesen, die mich ein bisschen verunsichern, weil mich nur diese weiterbringen. Wenn sie nur best\u00e4tigen, was ich schon wei\u00df, h\u00e4tte ich sie nicht sehen oder lesen m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Haneke (2012): \u201eLiebe\u201c Inhalt des Films: Michael Haneke zeigt in seinem Film die Liebe und innige Verbundenheit eines Ehepaares, zweier pensionierter Musikprofessoren, eindrucksvoll gespielt von Emmanuelle Riva und Jean-Louis&hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","template":"","meta":{"ngg_post_thumbnail":0},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.u-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/497"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.u-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.u-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.u-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.u-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=497"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.u-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/497\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":514,"href":"https:\/\/www.u-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/497\/revisions\/514"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.u-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=497"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}