{"id":490,"date":"2017-02-17T13:29:09","date_gmt":"2017-02-17T12:29:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.u-porsch.de\/?page_id=490"},"modified":"2017-02-17T17:52:10","modified_gmt":"2017-02-17T16:52:10","slug":"ma-folie","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.u-porsch.de\/?page_id=490","title":{"rendered":"Ma Folie"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Andrina Mra<\/strong><strong>\u010d<\/strong><strong>nikar (2015): <\/strong><strong>\u201e<\/strong><strong>Ma folie<\/strong><strong>\u201c<\/strong><\/h1>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"\/\/www.youtube.com\/embed\/m3mPmICsEK4\" width=\"560\" height=\"314\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p><span style=\"color: #008080;\"><span style=\"font-size: 10pt;\"><strong>Inhalt des Films:<\/strong><br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 10pt;\">\u201eMa Folie\u201c (mein Wahnsinn), \u00d6sterreich 2015, erz\u00e4hlt eine anf\u00e4nglich leise daherkommende und \u00fcberaus sehnsuchtsvolle Liebesgeschichte von Hanna und Yann, mit Verschmelzungs-w\u00fcnschen und wechselseitiger Hingabe, die nach und nach zu einem vielschichtigen Thriller und zum Albtraum f\u00fcr Hanna wird. Obgleich sie sich letztendlich zu trennen vermag, dringen seine Lettres film\u00e9es, kleine mit dem Smartphone aufgenommene Videos in sie ein, nehmen von ihr und ihrem Denken und F\u00fchlen Besitz, bem\u00e4chtigen sich ihrer. Es ist ein Film, bei dem anfangs willentlich und von beiden sehnlichst gew\u00fcnscht die Grenzen flie\u00dfen, sp\u00e4ter dann aber Eigen- und Fremdwahrnehmung, Realit\u00e4t und Illusion sowie Wahrheit und L\u00fcge kaum noch unterscheidbar sind und Ich-Grenzen bedroht scheinen. Die Regisseurin und Autorin Andrina Mracnikar, eine Michael Haneke Sch\u00fclerin, die \u00fcber zehn Jahre an diesem Film sa\u00df, zeigt auf, wie Liebe, Hass, Sehnsucht, Destruktivit\u00e4t, Verschmelzungs- und Symbiosew\u00fcnsche nahe beieinanderliegen k\u00f6nnen. Der Film wurde 2015 mit dem First Step Award als bestem Film ausgezeichnet.<\/span><\/span><\/p>\n<h1>Psychoanalytische Filmbetrachtung<br \/>\nim Cin\u00e9Mayence<\/h1>\n<h4>Liebe, Sehnsucht, Destruktivit\u00e4t<\/h4>\n<p>Im sogenannten \u201eUrteil des Paris\u201c wird der trojanische Prinz von Zeus dazu auserw\u00e4hlt den Streit der drei G\u00f6ttinnen zu entscheiden, n\u00e4mlich, wer die Sch\u00f6nste von ihnen sei. Athene versucht ihn f\u00fcr sich zu gewinnen, in dem sie ihm die Herrschaft \u00fcber die Welt verspricht. Athene bietet ihm die Weisheit und Aphrodite die sch\u00f6nste Frau, n\u00e4mlich Helena an, wenn er sie als sch\u00f6nste G\u00f6ttin k\u00fcrt.<\/p>\n<p>Macht, Weisheit oder Frau. Was f\u00fcr eine Wahl? Und f\u00fcr was entscheiden sich M\u00e4nner, zumindest, wenn sie \u00fcberwiegend heterosexuell orientiert sind?<\/p>\n<p>Er entschied sich f\u00fcr die Frau und damit f\u00fcr die Leidenschaft (eben im doppelten Sinne). Das Problem dabei war allerdings, dass Helena bereits mit Menelaos verheiratet und eine gemeinsame Tochter hatte. Dennoch entschied sich die sch\u00f6ne Helena f\u00fcr den sch\u00f6nen Prinzen Paris und ging mit ihm freiwillig nach Troja.<\/p>\n<p>Diese Liebesgeschichte ist der Ausl\u00f6ser f\u00fcr das schrecklichste Gemetzel der Antike, den 10j\u00e4hrigen Trojanischen Krieg, der nur durch List und Betrug, d.h. durch eine \u201eL\u00fcge\u201c von Odysseus beendet wurde. Hierf\u00fcr wurde er dann von den G\u00f6ttern mit der sogenannten Odyssee bestraft. Nach seiner R\u00fcckkehr fand er seine Frau Penelope von Freiern bedr\u00e4ngt und brachte mit Hilfe seines Sohnes nun auch noch alle Freier um. Ein weiteres Gemetzel.<\/p>\n<p>Alleine dieser Blick in die griechische Mythologie offenbart uns, wie nah Liebe, Leidenschaft, sehns\u00fcchtiges Verlangen mit Macht und letztlich auch mit Destruktivit\u00e4t eins werden k\u00f6nnen. Wie gef\u00e4hrlich dieses auch werden kann und wie man sich darin verstricken kann, sahen wir in diesem Film. Manchmal einfach schwer auszuhalten, weil wir alle irgendwie die in diesem Film auftauchenden Affekte, Sehns\u00fcchte, Gef\u00fchle, die Wut und die Verzweiflung kennen. Aber im Unterschied zu Hanna und Yann bremsen wir uns im Ausleben der Gef\u00fchlsambivalenzen, auch wenn es uns schwerf\u00e4llt. Pat. mit Borderlinest\u00f6rungen beispielsweise k\u00f6nnen sich hier h\u00e4ufiger nicht bremsen.<\/p>\n<p>Und vielleicht wird hier in diesem Film auch eine urm\u00e4nnliche Fantasie sichtbar, fast im Sinne einer anthropologischen Grundkonstante: Ein Mann will der erste und der letzte Mann und Intimpartner im Leben einer Frau sein. So insistiert Yann in der zweiten Eifersuchtsszene: \u201eHast Du Dich je von ihm v\u00f6geln lassen (gemeint ist der Ex-Freund von Hanna)\u201c. Sie: \u201eBist Du jetzt total irre\u201c. Er: \u201eMuss ich wohl sein, wenn ich f\u00fcr Dich MEIN LEBEN aufgebe.\u201c Es geht um Alles oder Nichts, es geht um Leben oder Tod, um Liebe, Schuld, Opfer- und T\u00e4terschaft die nicht sicher zuzuordnen sind.<\/p>\n<p>Wenn bei lang verheirateten Paaren einer der Partner stirbt, erkrankt und m\u00f6glicherweise verstirbt der andere bis dahin gesunde Partner kurz darauf. Wie kann man sich dieses Ph\u00e4nomen erkl\u00e4ren. Eine Erkl\u00e4rung hierf\u00fcr ist das Bindungsverhalten und dass wir als soziale Wesen auch ein Gegen\u00fcber dringend zur Regulation unseres biologischen Systems ben\u00f6tigen. Droht eine Trennung, ist die Gefahr der Dysregulation mit Folgen f\u00fcr die Gesundheit gro\u00df.<\/p>\n<p>Bindungen sind f\u00fcr uns als soziale Wesen essentiell.<\/p>\n<p>Und es ist Yann, der in beiden Eifersuchtsszenen immer wieder durch die Drohung zu gehen das Bindungsverhalten bei Hanna aktiviert, die hier\u00fcber in Panik ger\u00e4t und immer wieder einknickt und l\u00fcgt. Auch in der \u201eVerabschiedungsszene\u201c kurz vor dem Sturz in den Donaukanal ist dies ein von Yann eingesetzter Mechanismus. Sie will gehen, bleibt aber erst einmal noch stehen.<\/p>\n<h4>die initiale Szene<\/h4>\n<p>Wissen Sie, was ein Hologramm ist? In den 70er Jahren trug man das als Modeschmuck, als Amulett. Es wird mit sog. holographischen Techniken hergestellt und zeigt ein echtes dreidimensionales Abbild eines Gegenstandes, bei dem man durch Drehen des Hologramms unterschiedliche Blickwinkel auf den abgebildeten Gegenstand bekommt.<\/p>\n<p>Zerbricht man an solches Hologramm, so befindet sich in jedem kleinen Bruchst\u00fcck das vollst\u00e4ndige dreidimensionale Bild!<\/p>\n<p>Das Ganze befindet sich also im Kleinen.<\/p>\n<p>Und hiermit ist auch ein Aspekt paradigmatisch charakterisiert, der f\u00fcr uns Psychoanalytiker wesentlich ist: das holistische Prinzip oder aber wie wir das nennen: die initiale Szene. Wie kommt der Pat., wie nimmt er Kontakt auf, wor\u00fcber spricht er im Erstkontakt, was l\u00f6st er unmittelbar in uns aus usw. Wir erleben immer wieder, dass sich hier alle wesentlichen Themen des Pat. abbilden, auch wenn wir sie zum Beginn h\u00e4ufig noch nicht alle verstehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auf den Film angewandt hei\u00dft dies, dass in der ersten Szene von Hanna und Yann schon alles enthalten ist: Hanna fordert in ihrer Einsamkeit den ebenfalls einsamen Yann auf, ihr zu folgen und er folgt ihr, auf der Stra\u00dfe und sp\u00e4ter nach Wien. Er wird sie weiter verfolgen, anfangs mit besitzergreifender Liebe und Hingabe, sp\u00e4ter mit besitzergreifender subtiler Destruktivit\u00e4t.<\/p>\n<p>Die Szene: Es ist eine nasse Stra\u00dfe, es hat geregnet. Wasser spielt in diesem Film eine ganz zentrale Rolle, aber dazu sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Sie geht mit festem Schritt von hinten gefilmt auf das Bistro zu, streift hier suchend umher. Sie setzt sich und ihr suchender Blick findet Yann, dessen Platz vor ihm auch leer ist. Beide sind suchend. Ihr immer wieder kurz aufgenommener Blick Richtung Yann hat Aufforderungscharakter, der ihn erreicht. Als Hanna beim Verlassen des Bistros nahe an Yann vorbeigeht, ist die Kamera auf seine Hand gerichtet und es ist fast den Anschein, wie wenn es ihm schwerf\u00e4llt, Hanna nicht sch\u00f6n jetzt beim Herausgehen zu ber\u00fchren. Sie geht auf die Stra\u00dfe und ihr r\u00fcckw\u00e4rtsgerichteter sehnsuchtsvoller Blick und Wunsch, er m\u00f6ge ihr folgen, geht in Erf\u00fcllung. Und die tragische Geschichte nimmt ihren Lauf.<\/p>\n<h4>Deine Liebe, Deine L\u00fcgen<\/h4>\n<p>Es wird viel gelogen in diesem Film. Bei der Polizei l\u00fcgt Hanna, um sich nicht zu belasten wegen unterlassener Hilfeleistung. Es h\u00e4tte auch die Auseinandersetzung mit ihren vor- oder unbewussten Todessehns\u00fcchten gegen\u00fcber Yann bedeutet k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Meist wird jedoch gelogen, um den Anderen nicht zu verletzen oder zu kr\u00e4nken. Und genau hier\u00fcber nimmt die Tragik ihren Lauf nimmt.<\/p>\n<p>Betrachten wir hierzu folgende Szene: beide liegen kuschelnd nach vermutlich leidenschaftlicher Sexualit\u00e4t nebeneinander im Dunkeln im Bett:<\/p>\n<p>Sie: \u201eich will nicht, dass Du wieder gehst\u201c. \u201eDann bleibe ich bei Dir\u201c. \u201eDas W\u00c4RE sch\u00f6n\u201c. \u201eJa?. Ich muss noch nicht zur\u00fcck\u201c. \u201eWie lange kannst Du bleiben?\u201c. \u201eSolange wie wir wollen\u201c. \u201eUnd Dein Job?\u201c. \u201eIch habe gek\u00fcndigt\u201c. \u201eWas?\u201c. \u201eDie wollten mir nicht freigeben, um zu Dir zu kommen\u201c [sie macht das Licht an, lacht irritiert] \u201eUnd Deine Band und Deine Freunde?\u201c. \u201eWenn Du nicht willst, dann sag es!\u201c. [Und jetzt kommt die verh\u00e4ngnisvolle L\u00fcge] \u201eNein, ich will ja&#8230;aber es geht alles so schnell\u201c<\/p>\n<p>Nein, SO will sie das nicht, was sie erst bei der zweiten Eifersuchtsszene sagen kann. Hier l\u00fcgt sie. Dennoch ist sein Bed\u00fcrfnis nach Eins-sein, nach Verschmelzung, nach Aufhebung von Zeit und Raum ohne \u00e4u\u00dferen Verpflichtungen eine enorme Verf\u00fchrung f\u00fcr sie, weil es vermutlich eigene alte und fr\u00fche Sehns\u00fcchte ber\u00fchrt, die nie wirklich erf\u00fcllt wurden und die sie jetzt auch in Partnerschaften sucht. Vielleicht war dies auch der Grund daf\u00fcr, dass sie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin werden will und innerlich stark mit Sarema, dem zu betreuenden Kind verbunden ist.<\/p>\n<p>Spannend hierbei ist, was Sarema einsilbig meist auf Fragen antwortet, was sie m\u00f6chte: \u201eich wei\u00df nicht\u201c.<\/p>\n<p>Hanna ist diejenige, die genau besehen auch nicht wirklich wei\u00df, was sie will. Und sie hat Angst, blind zu sein, nicht wirklich sehen zu k\u00f6nnen. Daher kommt es in einer Szene auch zum Streit mit der Kollegin Evi, als die Spielgruppe mit Sarema blinde Kuh spielt. Das muss Hanna sofort unterbinden. Hanna will sehen, und sieht eben doch nicht.<\/p>\n<h4>schleichender Verlust der Gewissheiten<\/h4>\n<p>Hanna beginnt an ihrer Wahrnehmung zu zweifeln. Irgendwie ahnt sie, dass Marie mit Goran und Goran mit Evi eine Aff\u00e4re hatten, was beide massiv bestreiten und wodurch Hanna noch weiter verunsichert wird. Es ist ein massiver Angriff auf ihre Wahrnehmungsf\u00e4higkeit, ein Ph\u00e4nomen, dass wir \u00fcbrigens h\u00e4ufig bei Patienten finden, die im famili\u00e4ren Umfeld missbraucht wurden.<\/p>\n<p>Als Marie ihr sp\u00e4ter die L\u00fcge gesteht, ist sie nicht \u00e4rgerlich, sondern eher entlastet, weil ihr das Gest\u00e4ndnis erst einmal wieder ein St\u00fcck Gewissheit zur\u00fcckgibt, jedoch nur kurzfristig.<\/p>\n<p>Die Ungewissheit von Hanna kommt schleichend daher: hat sie den Wecker ausgemacht und deswegen verschlafen oder aber wollte Yann nicht, dass sie zur Arbeit geht. Hat sie die Fotos am K\u00fchlschrank doch selbst wieder herumgedreht oder aber war Yann mit nachgemachtem Schl\u00fcssel in der Wohnung. War er beim Konzert oder t\u00e4uschte sie sich. Als das Treppenlicht ausfiel, war da \u00fcberhaupt jemand im Hausflur? Hat er die tote Taube, \u00e4hnlich dem Videoclip vor ihren Eingang hingelegt. War Yann derjenige, der Sarema ein Kuscheltier schenkte, das frappierend dem entsprach, dass er fr\u00fcher mal f\u00fcr sie gezeichnet hat. War er im Schwimmbad und hat sie wie fr\u00fcher beim Baden gefilmt. Und schlie\u00dflich hat Hanna tats\u00e4chlich Yann im Regen vor ihrer T\u00fcr getroffen, ihn mit nach oben genommen und mit ihm geschlafen. Oder bildet sie sich das alles nur ein i.S. einer psychotischen Wunscherf\u00fcllung, wie ihr auch der Polizist nahelegen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Als Marie in einem Gespr\u00e4ch davon spricht, dass Yann in den Donau-Kanal gefallen ist und Hanna sich sicher ist, nie davon gesprochen zu haben und Marie ihr genau dieses unterstellt, kommt es schlie\u00dflich zum Bruch mit Marie und zum Wutausbruch. Sie scheint endg\u00fcltig allen Halt verloren.<\/p>\n<p>Auch wir Zuschauer stehen anfangs noch sehr auf Hannas Seite, beginnen aber \u00e4hnlich wie Marie und die Polizei zunehmend zu zweifeln. Die psychotische Wunscherf\u00fcllung, d.h. Yann gesehen, getroffen und mit ihm geschlafen zu haben w\u00e4re damit der Versuch, sich von der Schuld und die Verantwortung f\u00fcr den Tod von Yann zu befreien. Sie w\u00fcrde sich in ihrem Wahn den Wunsch erf\u00fcllen, Yann nicht versehentlich umgebracht zu haben.<\/p>\n<p>Aber ist er nun tot oder nicht. Die allerletzte Einstellung im Film ist ein verwackeltes Video von Hanna von der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite aus gefilmt, das sehr an die Videoclips von Yann erinnert. Also ist Yann doch nicht ertrunken, oder?<\/p>\n<h4>mein \/ unser Wahnsinn<\/h4>\n<p>Meine erste Assoziation zum Titel des Films bei sehr rudiment\u00e4rem Schulfranz\u00f6sisch war \u201emeine Folie\u201c, i.S. einer Kopie, was in gewisser Weise ja auch stimmt. Aber Ma Folie hei\u00dft: mein Wahnsinn.<\/p>\n<p>Und Hanna ist anfangs \u201ewahnsinnig\u201c verliebt. Hanna selbst und wir als Zuschauer bef\u00fcrchten im weiteren Verlauf des Films, dass aus dem wahnsinnigen Verliebtsein Wahnsinn wird oder geworden ist. Und Yann ist ebenso wahnsinnig verliebt, aber vielleicht ist er eben auch \u201eirre\u201c.<\/p>\n<p>Im Gespr\u00e4ch mit Marie nach ihrer R\u00fcckkehr aus Frankreich kann sie gar nicht genau beschreiben, was sie an Yann so toll findet. Seine anf\u00e4nglichen lettres filme\u00e9s sind aber wahre Feuerwerke von Liebeserkl\u00e4rungen die ihre Sehns\u00fcchte ganz unmittelbar erreichen und befeuern. Aber genau \u00fcber diese damit geschaffene Offenheit dringen dann sp\u00e4ter auch die destruktiven Videoclips in sie ein.<\/p>\n<p>Man kann dies gut vor und bei der U-Bahn Fahrt beobachten, als sie sich nach der Trennung voller Hoffnung \u00fcber ein neues Video freut und nicht abwarten kann, es sich anzuschauen. W\u00e4hrend die anf\u00e4nglichen Videoclips \u2013 wenn sie so wollen \u2013 liebevolle und ersehnte visuelle Penetrationen waren, zeigt dieses neue Video, wie ein Auge mit einer Rasierklinge zerschnitten wird. Es ist ein Symbol daf\u00fcr, dass Yann jetzt destruktiv \u00fcber ihr Auge konkretistisch in sie eindringt. Sozusagen eine vollzogene visuelle Vergewaltigung.<\/p>\n<h4>Sadomasochistische Kollusion<\/h4>\n<p>Freud vertrat in seinen fr\u00fchen Arbeiten die Vorstellung, dass der Sexualtrieb aus mehreren Komponenten besteht: aus dem Sadismus, dem Masochismus und dem Voyeurismus. Dass er hierbei noch als vierten Punkt die Homosexualit\u00e4t z\u00e4hlte, wird heute so nicht mehr geteilt.<\/p>\n<p>Sadistische Handlungsimpulse zeigen sich nach seiner Auffassung dann, wenn aus welchen Gr\u00fcnden auch immer der Sexualtrieb durch Verschiebung aggressiv aufgeladen wird oder werden muss.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen in diesem Film beobachten, wie nach einer \u00fcberaus gro\u00dfen leidenschaftlichen Beziehung und beidseitiger Hingabe es genau zu einer solchen Entmischung des Sexualtriebes kommt, sich sadistische und zusehends auch exhibitionistische Komponenten als ins Gegenteil verkehrte voyeuristische Motive offenbaren (nach Freud ein untrennbares Paar). Hanna und Yann haben Sex in der Zugtoilette oder kommen noch den G\u00fcrtel schlie\u00dfend aus dem Geb\u00fcsch. Das verschmitzt und schamvolle L\u00e4cheln maskiert nur bedingt die Lust, den anderen damit gezeigt zu haben, was sie da gerade gemacht haben.<\/p>\n<p>Ohne jeden Zweifel agiert Yann zunehmend sadistisch. Er qu\u00e4lt und will ganz offenkundig Hanna qu\u00e4len, verletzen, vernichten. Nun warum macht er dies, weil er rundweg b\u00f6se und schlecht ist? Darauf k\u00f6nnte man sich schnell einigen und gut ist.<\/p>\n<p>Wenn Yann sagt: \u201eIch habe mein Leben f\u00fcr Dich aufgegeben\u201c wird damit deutlich, dass er andererseits sich vollst\u00e4ndig und existentiell Hanna ausgeliefert f\u00fchlt. Er hat sein Leben gegeben. Sein Sadismus ist nun die agierte Projektion. Er lebt im Sadismus bei ihr aus, was Hanna ihm aus seiner Perspektive angetan hat.<\/p>\n<p>Und Hanna: akzentuiert \u00fcber ihre anf\u00e4nglich gro\u00dfen passiven Liebessehns\u00fcchte bleibt in dieser sadomasochistischen Kollusion nur die masochistische Seite, an der sie droht, privat und beruflich zugrunde zu gehen.<\/p>\n<p>Meines Erachtens ist diese sadomasochistische Kollusion keine Perversion, weil das Ausagieren nicht mit sexueller Lust oder sexueller Befriedigung einhergeht. Beide sind narzisstisch tief gekr\u00e4nkt und einig im Leid.<\/p>\n<h4>das Wasser und das ozeanische Gef\u00fchl<\/h4>\n<p>Wasser hat in diesem Film eine gro\u00dfe Bedeutung. Die Stra\u00dfen sind nass, als sie ihn zum ersten Mal sieht, als sie ihn trifft, bevor er in den Donau-Kanal f\u00e4llt. Und schlie\u00dflich steht er im str\u00f6menden Regen bei ihr vor der T\u00fcr. Und Hanna berichtet, dass sie schwimmt, wenn es ihr schlecht geht,.<\/p>\n<p>In der Arbeit \u201eUnbehagen in der Kultur\u201c beschreibt Freud in der Auseinandersetzung mit der Religion als Illusion ein sogenanntes ozeanisches Gef\u00fchl als \u201eein fr\u00fches Ichgef\u00fchls\u201c, bei dem Ich und Au\u00dfenwelt eben noch nicht getrennt sind.<\/p>\n<p>Beide, Hanna und Yann haben eine solche Sehnsucht nach Verschmelzung, nach Eins sein i.S. der Wiederherstellung eines uneingeschr\u00e4nkten Narzissmus, bei dem Zeit, Raum und Grenzen keine Bedeutung haben und haben d\u00fcrfen. Yann: \u201eIch kann nicht ohne Dich leben\u201c oder \u201eIch habe mein Leben f\u00fcr Dich aufgegeben\u201c und es kann und darf keine Geheimnisse und damit eine Abgegrenztheit geben. Yann: \u201eIch will die Wahrheit wissen, warum kannst Du nicht einfach die Wahrheit sagen\u201c. Es darf nichts Eigenes geben, alles muss das Gemeinsame sein.<\/p>\n<p>Andererseits wissen beide nicht wirklich, wer der Andere ist, weil es i.S. Bion noch keine wirkliche dritte Position gibt, die sozusagen das Denken erm\u00f6glicht oder anders formuliert eine Theory of mind fehlt. Weder kennen sie wirklich den Anderen noch die eigenen W\u00fcnsche. Nur eins wissen sie: \u201eIch kann nicht ohne Dich leben!\u201c.<\/p>\n<p>So kann Hanna gegen\u00fcber Marie nicht beschreiben, wer Yann eigentlich ist und Yann sagt ihr kurz vor seinem Sturz ins Wasser: \u201eWeil ich gemerkt habe, dass ich gar nicht wei\u00df was Du denkst oder wie es Dir geht, habe ich mir einfach MEIN eigenes Bild von Dir gemacht\u201c.<\/p>\n<p>Es gibt eine wechselseitige Projektion, weil beide die Eigenst\u00e4ndigkeit, Individualit\u00e4t des Anderen und das Anderssein nicht anerkennen, nicht anerkennen d\u00fcrfen, weil es das ozeanische Gef\u00fchl, oder die tiefe Sehnsucht existentiell bedrohen w\u00fcrde.<\/p>\n<h4>Schluss<\/h4>\n<p>M\u00f6glicherweise gibt es nichts Schrecklicheres, wenn der Wunsch nach Eins-sein, nach Verschmelzung, nach grenzenloser Liebe sich generalisiert. Es ist eine Sehnsucht ohne Worte und die Sprache bietet keine Gewissheiten.<\/p>\n<p>Vor\u00fcbergehend streben wir alle solche Momente an: in der Sexualit\u00e4t, nach und w\u00e4hrend einer Geburt, mit S\u00e4uglingen, bei einem tollen Konzert und wegen mir auch in der Badewanne nach einem anstrengenden Tag. Wird aber dieses Bed\u00fcrfnis generalisiert, m\u00fcnden diese regressiven Wiederbelebungsversuche einer fr\u00fchen Mutter-Kind- Einheit, bei dem Selbst- und Objekt, ICH und DU noch nicht als eigenst\u00e4ndige Entit\u00e4ten existieren d\u00fcrfen in eine emotionale Resonanzkatastrophe.<\/p>\n<p>Und genau an einer solchen emotionalen Resonanzkatastrophe haben oder mussten wir teilnehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andrina Mra\u010dnikar (2015): \u201eMa folie\u201c Inhalt des Films: \u201eMa Folie\u201c (mein Wahnsinn), \u00d6sterreich 2015, erz\u00e4hlt eine anf\u00e4nglich leise daherkommende und \u00fcberaus sehnsuchtsvolle Liebesgeschichte von Hanna und Yann, mit Verschmelzungs-w\u00fcnschen und&hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","template":"","meta":{"ngg_post_thumbnail":0},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.u-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/490"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.u-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.u-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.u-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.u-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=490"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.u-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/490\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":513,"href":"https:\/\/www.u-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/490\/revisions\/513"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.u-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=490"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}